„Das hätte ich bei Dir nie gedacht!“

Sowas oder etwas ähnliches habe ich schon mehrfach gehört. Gerade in den letzten Tagen, in denen ich hier das Schreiben angefangen habe. War/bin ich doch der Typ Mensch, der -augenscheinlich- recht souverän im Leben steht. Vielleicht mit der ein oder anderen Ecke & Kante… Aber wer hat die nicht?! Doch eine „psychische Erkrankung“?! Bei mir?! Niemals! Da können Menschen doch eher über Wasser laufen und aus Wasser Wein machen…

Grundsätzlich finde ich diese -erste- Reaktion gar nicht mal schlimm. Habe ich es mir ja auch nicht auf die Stirn geschrieben und/oder gehe mit meinem Gesundheitszustand „hausieren“. Zudem ich über die Jahre echt gut darin geworden bin, mir & anderen eine Fassade aufzubauen um nicht wirklich zu offenbaren was mit & in mir passiert. Das war sicherlich auch eine Art von Selbstschutz, erleben Betroffene doch auch immer wieder Stigmatisierung oder Bagatellisierung von psychischen Erkrankungen. Auch ich habe zum Teil diese Erfahrung gemacht. Viel mehr spielte aber in meinem Fall die Scham eine Rolle. Ich habe mich wirklich geschämt zuzugeben, dass ich an manchen Tage es noch nicht mal schaffe meinen normalen Tagesrhythmus hinzubekommen. Geschweige dann Aufgaben im Job oder eine vernünftige Kommunikation mit Menschen. Ein geflügelter Satz auf die Frage wie es mir denn geht, war bei mir gerne mal ein saloppes „Muss ja!“. Sogar bei Familienangehörigen habe ich dies so weit getrieben, dass sie selbst irgendwann von sich aus gar nicht mehr gefragt haben. Ich habe also alles dafür getan, dass niemand hinter die Fassade schauen konnte/durfte. Sicherlich spiele da auch die Persönlichkeitsstörung eine große Rolle. Hat mir die Kopfkirmes streckenweise doch selbst vorgemacht was für ein toller Kerl ich doch sei. Und damit habe ich mir -nach außen hin- wahrscheinlich ein recht souveränes Auftreten aufgebaut. Ein Auftreten, welches aber ziemlich fragil war. Eins, welches oftmals bei der kleinsten Kritik oder dem kleinsten Versuch hinter die Fassade zu schauen, zusammengebrochen ist. Mit allen nur erdenklichen Achterbahnfahrten der Kopfkirmes. Und vor allem mit einem sehr fadem Beigeschmack. Ich habe mich über mich selbst geärgert, nicht doch ehrlich gewesen zu sein. Und mal zuzugeben, dass es mir ganz und gar nicht gut geht. 

All das hat wahrscheinlich mehr zu dem Satz aus der Überschrift beigetragen, als ich selbst gedacht habe. Aber wie kann man so eine „überraschte“ Reaktion denn jetzt vermeiden? Ich glaube persönlich, fast gar nicht. Im ersten Moment ist es eben erschreckend, wenn bei einem Mensch aus dem nahen Umfeld eine „Beeinträchtigung“ zu erkennen ist. Ganz gleich, ob dieser Mensch selbst damit oder z.B. mit Hilfe von Texten in Form eines Blog um „die Ecke kommt“. Gerade bei männlichen Betroffenen -ohne jetzt andere Betroffene abwerten zu wollen- ist diese Reaktion wohl ziemlich häufig. Wenn es um psychische Erkrankungen geht, herrscht halt (leider) immer noch ein sehr klassisches Rollenbild vor. Männer, die „Krönung“ der Schöpfung, können/dürfen sich doch keine Kopfkirmes leisten. Die müssen doch mit beiden Beinen im Leben stehen. Nein, müssen sie nicht… Ganz im Gegenteil. Und genau das ist es, was ich mir so gar nicht auf diesen einen Satz erwarte. Das man das nicht hat glauben können weil ich doch ein Baum von Mann bin. „Treffen“ kann diese Krankheit wirklich jeden. Das habe ich auch wieder in der letzten Behandlung in der Tagesklinik gesehen. Ein „buntes“ Spektrum aus alle Geschlechtern, „sozialen Schichten“, Berufen und „Vorgeschichten“. Aber gerade auch im „normalen“ Leben kann es jeden Menschen treffen. 

Deswegen ist eine „erschrockene“ erste Reaktion okay, sofern danach nicht mit Phrasen um sich geworfen wird. Mir selbst hat es, gerade in letzter Zeit, oft geholfen wenn interessierte Nachfragen kommen. Sicherlich mit dem nötigen Fingerspitzengefühl und ohne zu bohren… Aber Nachfragen haben geholfen. Ich konnte mich oftmals dann wesentlich leichter öffnen. Und bin dadurch sogar ein bisschen „näher“ an mich selbst gekommen. Psychische Erkrankungen sind ein komplexes und nicht so leichtes Thema. Besonders auch für die Betroffenen selbst. Daher gebt uns Raum um uns zu „erklären“, von den eigenen Erfahrungen zu erzählen, aber auch mal dem Betroffenen einzuräumen, nicht alles auf einmal auf den Tisch zu packen. Es ist schon als Betroffener schwierig genug, Ordnung in die Kopfkirmes zu bringen. Es auch noch anderen Menschen zu erzählen, erfordert oftmals noch viel mehr Kraft. Gebt uns also durchaus Zeit.

Und bitte… Reduziert uns nach solch einer „Offenbarung“ nicht auf das Krankheitsbild. Ja, die Betroffenen habe eine (oder mehrere) große Baustellen vor sich. Aber diese Baustelle definiert niemals den kompletten Menschen. Wir sind nicht nur die „Depression“ (o.a.). Wir sind ein Mensch mit einer Beeinträchtigung des Seelenlebens, habe unser Stärken (und Schwächen) dadurch aber nicht verloren. Wir können all das nur leider nicht immer in passender Form abrufen. Zudem ist die „Krankheit“ keine natürliche Person. Frag also vielleicht nicht unbedingt, wie es „der Krankheit“ geht. Frag lieber, wie es uns als Menschen geht. Ob ihr irgendetwas für uns tun könnt. Ob es okay ist, mehr über die „Krankheit“ zu erfahren. Tauscht Euch auf Augenhöhe mit den Betroffenen aus. Lasst ihnen aber auch genug Raum, um einfach mal Luft zu holen. 

Dann kann aus der ersten erschrockenen Reaktion oftmals ein sehr interessantes und für beide Seiten hilfreiches Gespräch entstehen. ;)

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